Open Format DJs

Open Format DJ – für die einen ist es die absolute Königsklasse des DJ-Handwerks, für andere nicht mehr als das Drücken von „Play“ auf Zuruf. Kaum ein Begriff spaltet die Szene so sehr wie dieser. Und kaum ein DJ-Typ steht gleichzeitig so sehr zwischen Anerkennung und Abwertung. Besonders dann, wenn man nicht nur als DJ arbeitet, sondern auch als Musikproduzent aktiv ist – vielleicht sogar in mehreren Subgenres der elektronischen Musik.

Ich schreibe diesen Text bewusst persönlich. Nicht aus theoretischer Distanz, sondern aus der Praxis heraus. Aus Nächten in Clubs, aus privaten Veranstaltungen, aus Studio-Sessions und aus unzähligen Gesprächen mit Szene-Kollegen, Veranstaltern und Gästen.

Zwischen Szenen, Stühlen und Schubladen

In der elektronischen Musik herrschen klare Codes. Techno ist Techno. House ist House. Afro House ist nicht Melodic Techno. Und wer sich zu frei zwischen diesen Welten bewegt, läuft Gefahr, von allen Seiten kritisch beäugt zu werden.
Als Produzent mehrerer elektronischer Genres wird man schnell als „nicht eindeutig“ wahrgenommen. Als DJ, der Open Format spielt, oft als „nicht tief genug“.

Das Problem: Authentizität wird in Szenen häufig mit Spezialisierung verwechselt.
Wer sich auf ein Subgenre festlegt, gilt als kredibel. Wer mehrere musikalische Sprachen spricht, muss sich ständig rechtfertigen. Dabei ist musikalische Vielseitigkeit kein Zeichen von Beliebigkeit – sondern von Verständnis.

Open Format DJ: Die unterschätzte Disziplin

Open Format ist kein Genre. Es ist eine Fähigkeit.
Die Fähigkeit, Räume zu lesen. Menschen zu verstehen. Energien aufzubauen und zu halten – über Genregrenzen hinweg.

Ein guter Open Format DJ kennt nicht nur Hits, sondern deren Wirkung. Er weiß, wann ein Stilwechsel Sinn macht und wann nicht. Er verbindet Jahrzehnte, Kulturen und Emotionen. Das ist keine Playlist, das ist Dramaturgie.

Und trotzdem wird Open Format in der Clubkultur oft belächelt. Warum?
Weil es schwer messbar ist. Keine klar definierte Szene, kein „reiner“ Sound, keine eindeutige Schublade.

Private Events: Vom DJ zur menschlichen Jukebox

Noch komplizierter wird es auf privaten Veranstaltungen. Hochzeiten, Geburtstage, Firmenfeiern.
Hier reduziert sich der DJ-Beruf oft auf einen Wunsch-Erfüller und Licht & Ton Technik Dienstleister. Spotify mit Puls, sozusagen.

„Spiel mal was von früher.“
„Kannst du das Lied jetzt sofort spielen?“
„Warum spielst du nicht mehr davon?“

Viele Open Format DJs kennen dieses Gefühl: Man reagiert statt zu gestalten. Man verwaltet Erwartungen, statt Atmosphäre zu erschaffen. Das nagt – besonders dann, wenn man selbst Musik produziert, Konzepte denkt und Klangwelten erschafft.

Aber auch hier liegt eine Wahrheit: Diese Veranstaltungen finanzieren oft die künstlerische Freiheit an anderer Stelle.

Zwei Welten – ein Mindset

Die entscheidende Frage ist nicht: Club oder Privatveranstaltung?
Sondern: Wie positioniere ich mich in beiden Welten klar und ehrlich?

1. Klare Kommunikation

Definiere vorab, was du bist – und was nicht. Auch auf privaten Events darfst du Rahmen setzen. Wunschlisten ja, Dauerbeschallung nein.

2. Trennung von Rollen

Du darfst mehrere Identitäten haben:
Open Format DJ für Events.
Genre-spezifischer DJ für Clubs.
Produzent für dein eigenes musikalisches Statement.
Nicht alles muss gleichzeitig stattfinden.

3. Eigenes Narrativ

Wenn du mehrere Genres produzierst, erzähle die Geschichte dahinter. Warum diese Vielfalt? Was verbindet die Sounds? Menschen akzeptieren Vielfalt, wenn sie Sinn ergibt.

4. Qualität statt Rechtfertigung

Langfristig überzeugt nicht das Argument, sondern die Performance. Wer Menschen bewegt, bleibt glaubwürdig – unabhängig vom Genre.

Fazit: Champions League oder Jukebox? Beides – wenn man es zulässt

Open Format DJing ist weder minderwertig noch automatisch elitär. Es ist ein Werkzeug.
Es kann zur seelenlosen Jukebox verkommen – oder zur höchsten Form musikalischer Dienstleistung und Kunst.

Für Musikproduzenten und DJs, die sich nicht einschränken lassen wollen, ist der Weg anspruchsvoller. Aber auch freier.
Authentizität entsteht nicht durch Einschränkung, sondern durch Haltung.

Und vielleicht ist genau das die wahre Champions League.